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TamilSelvi News

Thursday, December 10, 2009

"Manimekalai und die drei Perlen" Ein Essay von U. Ve. Caminataiyar

Zu der Zeit, als ich das klassische Kunstepos Civaka Cintamani erforschte, waren mir von den fünf Werken, die im Tamil "die Fünf Großen Epen" genannt werden, die anderen vier, nämlich "Cilappatikaram", "Manimekalai", "Valaiyapati" und "Kuntalakeci" lediglich dem Namen nach bekannt. In "Cintamani" erwähnt Naccinarkkiniyar Manimekalai an zwei Stellen(1). An einer Stelle(2) führt er sogar einige Zeilen aus Manimekalai an. Durch Hinweise in einigen anderen Kommentaren und Pirapantams(3) wurde Manimekalai mit der Zeit als ein klassisches, von den alten Autoren und Kommentatoren sehr geschätztes Werk bestätigt. Celam Iramacuvami Mutaliyar gab mir ein Manuskript des Originaltextes(4) jenes Werkes. Und wenn die Neugier erst einmal erwacht ist, stellen sich Eifer und Zielstrebigkeit von selbst ein. Ich suchte weitere Manimekalai-Kopien zusammen. Einige Handschriften waren erhältlich. Eine Abschrift machte ich selbst auf Papier.

Im Laufe meiner Untersuchung von Cintamani pflegte ich zwischendurch auch Manimekalai durchzusehen. Der Stil des Werkes war an einigen Stellen einfach. Jedoch waren mir einige Wörter bis zu jener Zeit unbekannt. Ich wußte überhaupt nichts darüber, welche Geschichte dieses Werk erzählte und zu welcher Religion es gehörte.

Sobald ich die Editionsarbeit an Cintamani abgeschlossen hatte, richtete ich meine ganze Aufmerksamkeit auf die Untersuchung von Manimekalai. Auch meine Untersuchung von Pattuppattu war zu jener Zeit im Gange. Da mir die Manimekalai-Angelegenheit nicht klar war, gab ich zuerst Pattuppattu heraus.

Vollkommen neue Fachausdrücke und Gegenstände fanden sich in Manimekalai. Ich begann, alle Gelehrten, die ich traf, über meine Zweifel zu befragen. Sie antworteten jeder auf seine Weise. Die Großen(5), die zugaben, nicht zu wissen, was sie nicht wußten, waren wenige. Einige, weil sie annahmen, ihr Ansehen würde Schaden nehmen, wenn sie sagten, sie wüßten nicht, sagten irgend etwas, so wie es ihnen gerade in den Sinn kam. Da ihnen selbst die Angelegenheit unklar war, begannen sie, wenn ich ein und denselben über ein und dieselbe Sache bei verschiedenen Gelegenheiten befragte, unterschiedliche Antworten zu geben. Über ein und dieselbe Sache gaben viele vielerlei(6) Erklärungen. Auf diese Weise verwirrt und betrübt, fand ich keinerlei Ruhe. Würde ich Manimekalai [wörtl. "Perlengürtel"] vielleicht gar nicht zum Glänzen bringen können? Diese Unsicherheit begann sich in meinem Gemüt einzunisten. Nur das Vertrauen, daß, wenn die Tamil-Göttin den Willen hat, ihren Perlengürtel anzulegen, irgendwie die nötige Unterstützung zu finden sein würde, blieb unerschütterlich.

Zu jener Zeit war ich am Kumbakonam-College. In meiner Hand befanden sich ständig ein Manuskript und ein Notizbuch. Es war meine Gewohnheit, in sämtlichen Pausen das Manuskript durchzugehen und Notizen zu machen.

Eines Tages, in der Pause nach ein Uhr, saß ich im Lehrerzimmer und sah wie gewöhnlich das Manimekalai-Manuskript durch. Auch die anderen Lehrer waren dort. Dann fragte der Mathematiklehrer Shri Cakkaravartti Aiyankar, der mit mir eng befreundet und im gleichen Alter war wie ich: "Was denn? Den ganzen Tag mühen Sie(7) sich nur mit diesem Buch ab." — "Was soll ich machen? Die Sache ist mir nicht klar. Ich sehe es genau durch. Ich verstehe gar nichts", sagte ich. — "Ja, kann es denn ein Buch geben, das man nicht verstehen kann?" . — "In Tamil sind sie zum größten Teil so. Man kann sie verständlich machen. Dafür muß die rechte Zeit kommen." — "Was verstehen Sie denn in diesem nicht?" — "So viele Wörter sind darin unbekannt; sie sind in keinem anderen Buch zu finden. Ich weiß nichts über ihre Existenz in Werken, die zur Jaina-, Shaiva- oder Vaishnava-Religion gehören. Sehen Sie: "arupap pitamar"," urupap pitamar" ["Formloses pitamar", "Pitamar, das eine Form hat"]. All diese sind wie eine neue Sprache. Das Wort "pitamar" habe ich bis jetzt noch nicht gehört." Während wir so redeten, erhob sich aus einer Ecke eine Frage: "Könnte man dafür vielleicht piramar (8) sagen?" — Ich sah in die Richtung. Ich merkte, daß es Rav Pakatur Malur Rangacariyar, ein Lehrer am College, war, der so gefragt hatte.

"Ich verstehe überhaupt nichts. Ob es pitamar oder piramar ist, weiß ich nicht", gab ich zur Antwort.

Er las gerade, über ein Buch in seiner Hand gebeugt. Er war ständig mit Lesen beschäftigt. Er verschwendete nicht auch nur einen Augenblick Zeit. Wenn man ihn beobachtete, während er ein Buch las, konnte man sehen, daß er derartig darin vertieft und selbstvergessen versunken war, daß das Buch und er nicht voneinander getrennt zu sein schienen. Das allein war für ihn Freude; das allein war für ihn Glück!

Nachdem er meine Erwiderung gehört hatte, dachte er kurze Zeit mit erhobenem Kopf nach; dann sagte er: "Wo steht das? Lesen Sie bitte jenen Teil vor!"

Ich nahm mein Manuskript und ging zu ihm. "Lassen Sie ihn nicht los! Er besitzt außergewöhnliche Kenntnisse", so flößte mir mein Freund Cakkaravartti Aiyangar Begeisterung ein. Ich öffnete das Manuskript und las: "Von vier Arten ist traditionellerweise arupa pitamar, von vier mal vier Arten ist urupa pitamar, von zwei Arten sind die Lichter, und von zwei mal drei Arten sind die Götterscharen, die extrem schön sind"(9), soweit las ich vor. Er hörte mir aufmerksam zu; kurze Zeit dachte er nach. Auf seinem Gesicht flackerte ein leichtes Leuchten auf; in der völligen Dunkelheit meiner Gemütsverwirrung erschien dieses Leuchten wie ein Blitz und erweckte meine Zuversicht.

"Hm!, dieses Buch scheint im Zusammenhang mit der buddhistischen Religion zu stehen", sagte er langsam. Es war mir, als ob ein Tropfen Amrta(10) gefallen wäre. "Wie kommen Sie darauf?" fragte ich. — "Das? Nur bei ihnen [d.h. den Buddhisten] spricht man von so vielen Arten von Piramas. Pitamar kann man nur als piramar verstehen. Ihre Anzahl der Welten und alle damit verbundenen Anordnungen sind einzigartig", während er so sprach und sprach, stiegen in meinem Innern Fontänen von Freude auf. Mir wurde klar, daß "t" für "r" vorkommen konnte; ich erinnerte mich, daß "Mukari"(11) als "Mukati" vorkam.

Dann sagte er: "Wenn Sie noch mehr solche Stellen vorlesen, sage ich Ihnen, was ich darüber weiß. Die Europäer haben viele Bücher geschrieben. Ich werde sie durchgehen und es Ihnen erzählen."

Man kann wohl durchaus sagen, daß ich, als ich diese Worte vernahm, genauso entzückt war wie Sita im Ashokavana, als sie Ramas Ring sah(12). 'Nun wird Rama bald kommen und mich retten; keine Angst', dachte Sita; und ich: 'nun kann ich Manimekalai Gestalt geben, keine Angst', so dachte ich.

Wenn ich einmal den Weg erblickt habe, könnte ich ihn dann wieder verlassen? An jenem Tag begann ich, morgens und abends zu Rangacariyar nach Hause zu gehen. Das große Verlangen, das gesamte Manimekalai ohne Probleme fertigzustellen, nahm mich ganz gefangen.

Während ich allmählich mit ihm vertraut wurde, zeigten sich mir sein umfangreiches Wissen, seine vielseitige Erfahrung, seine offensichtliche Weisheit, seine Geduld und sein gütiges Wesen. Hätte ich seine Hilfe nicht erhalten, wären sowohl die Edition von Manimekalai als auch das Verfassen eines Kommentars dazu unvollständig geblieben.

Alles, was mit der buddhistischen Religion zusammenhängt, erklärte mir jener Wohltäter genauestens. Während ich Manimekalai mit diesem Hintergrundwissen studierte, wurden mir die Situation der Buddhisten im Tamilnadu und die buddhistischen Ausdrücke verständlich. Wenn ich ihm Gedanken, die an einigen Stellen in Manimekalai vorkamen, mitteilte, war Rangacariyar verblüfft; wenn er die Übersetzung(13) einiger Wörter hörte, war er überrascht. "Wieviel Mühe man sich gegeben hat! Wie schön man es formuliert hat!" staunte er oft.

Ich sammelte die mit der buddhistischen Religion zusammenhängenden Verse und Informationen, die in den Kommentaren zu Nilakecittirattu und Viracoliyam und in Nyanapirakacars Kommentar zu Civanyanacittiyar-parapakkam(14) vorkamen, welche sich in meinem Besitz befanden. Auch diese waren von Nutzen bei meiner Untersuchung von Manimekalai.

Rangacariyar erzählte mir, was in den Werken stand, die er selber früher schon gelesen hatte. Um meinetwillen las er viele neue Bücher und erklärte sie mir. Auch ich erstand auf seinen Wunsch einige englische Bücher und gab sie ihm. Indem er nach und nach alles, was Monier-Williams, Max Müller, Oldenberg, Rhys Davids und andere Gelehrte geschrieben hatten, las und mir mitteilte, verstand ich es. Die Szenen der buddhistischen Welt, die in Manimekalai vorkamen, wurden mir eine nach der anderen klar.

Eineinhalb Jahre blieb Rangacariyar in Kumbakonam. Wann immer ich in jener Zeit Muße fand, bemühte ich ihn. Dann versetzte man ihn an das Presidency College in Madras. Selbst danach ging ich in den Ferienzeiten nach Madras, blieb zwei Monate, traf ihn und notierte, was er mir sagte. Auf diese Weise lernte ich die Fakten über die buddhistische Religion im Laufe von fünf, sechs Jahren; demnach ist es durchaus angemessen, zu sagen, daß Rangacariyar mir ein Lehrer war und mich unterrichtet hat.

Bald würde ich Manimekalai veröffentlichen können, dessen war ich nun gewiß. Da ich nicht wußte, daß es einen alten Kommentar dazu gab, schrieb ich selbst im Rahmen meines begrenzten Wissens einen Anmerkungskommentar. Rangacariyar betonte, daß es für die Leser nützlich sei, wenn ich außerdem Einzelheiten über die drei Perlen des Buddhismus, d.h. über den Buddha, den buddhistischen Dharma und die buddhistische Mönchsgemeinschaft, schreiben würde. Also schrieb ich auch dies mit seiner Hilfe und gab alles zusammen heraus.(15)

Als Rangacariyar hörte, daß ich, während ich die Geschichte Buddhas usw. schrieb, hier und da mehrere alte Tamil-Verse einfügte, kannte die Freude, die er empfand, keine Grenzen. "Die Dinge, die früher so berühmt waren, sind jetzt vergangen!" bedauerte er.

Im Jahr 1898 wurde Manimekalai schließlich veröffentlicht. Im Vorwort habe ich auf die große Hilfe, die Rangacariyar mir geleistet hat, hingewiesen.

Die Tamil-Göttin hatte ihren Perlengürtel verloren gehabt. Ihn wiederzufinden, diese Gunst war mir zuteil geworden. Jedoch zu Beginn hatte ich nicht gewußt, von welcher Art die darin eingelegten Perlen sind. Dies hatte mir Rangacariyar erklärt. Manimekalai, der Perlengürtel, wieder zum Glänzen gebracht, schmückt (nun) die Hüften der Tamil-Göttin.

Während ich dies schreibe, ist es mir nicht möglich, der Dankbarkeit in meinem Herzen vollkommen Ausdruck zu verleihen. Auch ist Rangacariyar nicht mehr, daß ich sie ihm persönlich hätte mitteilen können. Trotzdem: auch heute, wenn ich an ihn denke, preise ich seinen Namen mit Dankbarkeit; er wird immer in meinem Herzen sein.


ANMERKUNGEN

Original-Titel: Manimekalaiyum mummaniyum, in: Ninaivu manjari (mutar pakam), S.16-23.

1: Verse 1625 und 2107.

2: Vers 2107.

3: Pirapantam bezeichnet eine Klasse kleiner literarischer Werke in 96 traditionellen Genres.

4: "Originaltext" (tam. mulam) bezeichnet eine Textversion ohne Kommentar.

5: Mit Bezug auf geistige Größe.

6: Wortspiel im Tamil: palar pala.

7: Im Tamil ist es üblich, sich auch unter engen Freunden der Höflichkeitsformen in der Anrede zu bedienen.

8: piramar = Skt. brahma.

9: Manimekalai 6, 176-179.

10: Amrta ist der Name des himmlischen Nektars.

11: I.e. Mutevi, Göttin des Unglücks, ältere Schwester der Lakshmi.

12: Eine Anspielung auf das Ramayana: Hanuman suchte Sita auf Lanka auf, wo sie von Ravana gefangengehalten wurde, und kündete ihr so das Kommen ihres Gemahls an.

13: Warscheinlich geht es hier um die Tamil-Übersetzung der buddhistischen Termini aus dem Pali oder aus dem Sanskrit.

14: Nilakecittirattu: unsicher, ob es sich hier um Nilakeci, eines der 5 kleinen Epen, handelt. - Viracoliyam: Grammatik aus dem 11. Jh.. - Civanyanacittiyar: Werk der Caivacittanta-Philosophie von Arunanti Civacariyar (13.Jh.). - Nyanappirakacar: Kommentator, 18.Jh.

15: Diese drei Artikel sind nur in den ersten drei Editionen von Manimekalai enthalten. In den nach U. Ve. Caminataiyars Tod erschienenen Auflagen wurden sie weggelassen. Sie sind auch als Extraausgabe erschienen.(zurück)

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